Dienstag, 18. März 2008 15:59

Gedanken über die Zukunft des Kegelsports

geschrieben von  Hans-Joachim Röttgen und Frank Dahlhaus

Hat unser Sport überhaupt Zukunft ? Die nackten Zahlen sind jedenfalls alarmierend. So hat beispielsweise der Westdeutsche Kegel- und Bowlingverband (WKV) gemessen an seinem Hoch in den 80-er Jahren knapp die Hälfte seiner 12.000 Mitglieder verloren. Zu beachten ist, dass der WKV trotzdem noch genau so viele Mitglieder hat wie alle übrigen Schere spielenden Bundesländer zusammen.

Rund die Hälfte aller Mitglieder im WKV sind älter als 50 Jahre, Tendenz steigend. Die Zahl der Jugendlichen und Junioren geht stetig zurück. Bei so mancher Bezirkseinzelmeisterschaft müssen mangels Beteiligung Vorläufe nicht mehr ausgetragen werden. Im Damenbereich nehmen Jahr für Jahr weniger Mannschaften an den Ligenspielen teil. Im Gau Sieg/Sauerland sind es noch 9, im Niederrhein und in Westfalen-Süd nur noch je 25. Mannschaften wohlgemerkt, nicht Clubs ! Vereine sind mangels Mitglieder zu Fusionen gezwungen, andere lösen sich auf, wie zuletzt Hilchenbach, die mit einer Herrenmannschaft immerhin 10 Jahre Bundesliga gespielt haben.

Was sind die Gründe ?

Zunächst ist Kegeln so wie es zur Zeit betrieben wird eine langweilige Sportart. Der Spielrhythmus ist eingefahren, die Wettkämpfe dauern sehr lange, es passiert nichts oder zumindest sehr wenig, ein Spieler benötigt für seinen Durchgang rund 45 Minuten und danach steht auch nur ein Zwischenergebnis fest, es gibt keine Idole, Helden (auch tragische), Galionsfiguren, und wenn, dann spielen diese fernab von den Jugendlichen in eigenen Meisterschaften.

Kegeln ist keine Trendsportart, in den Medien so gut wie nicht vertreten, so dass hierüber neue Mitglieder und vor allem Jugendliche nicht begeistert werden können. Das war allerdings schon immer so, womit sich die Frage aufdrängt, wie früher Jugendliche zum Kegelsport gekommen sind. Die Antwort ist einfach, die Eltern haben gekegelt ! Nun sind die Jugendlichen von damals erwachsen, betreiben aber den Sport nicht mehr. Folglich kegeln auch deren Kinder nicht, wenn sie überhaupt Kinder haben. Stichwort Demographie!

Unter der Überalterung der Gesellschaft leiden natürlich auch andere Sportarten. Gleichwohl sind deren Probleme im Nachwuchsbereich geringer. Was wird dort anders gemacht? Haben wir Veränderungen verschlafen ? Im Tennis ist der Tiebreak eingeführt worden, ein Satz im Tischtennis geht nicht mehr bis 21, sondern nur noch bis 11, im Biathlon und im
Skilanglauf sind Massenstart und Sprintwettbewerbe ins Leben gerufen worden. Alles Dinge, die für einen Zuschauer kurzweiliger sind. Aktion ist Trumpf. Es passiert etwas. Die Wettkämpfe werden kürzer oder zumindest unterhaltsamer. Und beim Kegeln? Die Distanzverkürzung auf 120 Wurf ist 15 Jahre her. Sie betraf im übrigen nur die Bundesliga, für alle anderen Klassen war es eine Distanzverlängerung. Und sonst? Nichts! Alles andere ist geblieben wie seit Jahrzehnten. Insbesondere fehlen Änderungen, die ein Spiel spannender machen, zu einem Erlebnis werden lassen. Wie läuft denn ein Kegelländerspiel zwischen Deutschland und Belgien ab ? Hand aufs Herz ! Nach dem ersten Block führt Deutschland mit mindestens 100 Holz, der Sieg ist klar, aber es werden noch zwei weitere Blöcke gespielt und nach endlos erscheinenden weiteren zwei Stunden ist es endlich vorbei.
Spannung = Null ! Es fehlen Wettkämpfe, von denen Jugendliche magisch angezogen werden, bei denen das Gefühl aufkommt, das will ich auch können. Spiele, in denen ständig Entscheidungen fallen, bei denen ich nicht Stunden warten muss, bis ein Ergebnis, sei es auch nur ein messbarer Zwischenstand, feststeht.

Hier müssen wir ansetzen, um verlorenen Boden wieder aufzuholen. Natürlich können wir nicht mit Beachvolleyball konkurrieren, das Auge konsumiert mit. Wir haben enge, oftmals dunkle Hallen, in denen Spielbereiche und Zuschauerraum immer noch zu häufig durch Glaswände getrennt sind. Auch Skispringen ist besser dran als wir, (Wage)mut ist eben
etwas für Jugendliche. Aber wir können unseren Sport attraktiver machen, den Spielablauf moderner und abwechslungsreicher gestalten.

Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, ist unser Spielsystem zeitgemäß, prickelnd, interessant, nachahmenswert, Zuschauer tauglich, Aktiven freundlich...

Das Spielsystem der Ligenspiele für Sportkegler

Immer (mal) wieder ist das Spielsystem Anlass kontroverser Diskussionen.
Dementsprechend unterlag es in der Vergangenheit zahlreichen Veränderungen. Im Einzelnen wurden gespielt:

  • 100 Wurf in die Vollen
  • 100 Wurf kombiniert im Mannschaftsstart
  • 100 Wurf kombiniert mit Kranzwertung im Mannschaftsstart
  • 100 Wurf kombiniert mit Kranzwertung im Kettenstart
  • 200 Wurf kombiniert mit Kranzwertung im Blockstart
  • 120 Wurf kombiniert mit Kranzwertung im Blockstart

Trafen sich anfangs noch alle Mannschaften einer Liga an jedem Spieltag, wobei jede Mannschaft einmal Heimrecht hatte, werden seit mehr als 20 Jahren die Mannschaftswettkämpfe wie bspw. im Fußball oder Handball ausgetragen. Jede Mannschaft hat gegen jeden Gegner einmal zu Hause und einmal auswärts anzutreten. Die Spielwertung erfolgt durch Addition aller Einzelergebnisse einer Mannschaft. Sodann gibt es für einen Sieg 2 Punkte, für ein Unentschieden 1 Punkt und für eine Niederlage 0 Punkte.

Seit rund 15 Jahren wird pro Spiel noch ein dritter Punkt verteilt. Früher konnte die Gastmannschaft diesen gewinnen, wenn es ihr gelang, mindestens 3 Spieler in der Einzelwertung unter die ersten sechs zu platzieren. Seit ca. 10 Jahren benötigt die
Gastmannschaft mindestens 31 Hilfspunkte gemäß der Einzelrangliste des Spieltages, um den dritten Punkt zu erhalten. Hierbei steuert der Tagesbeste 12, der Zweitbeste 11 usw. und schließlich der schlechteste Spieler noch einen Punkt bei.

Alle genannten Spielsysteme haben eines gemeinsam. Den Spitzenspielern kommt überragende Bedeutung zu, da sie durch großartige Leistungen schwächere Ergebnisse ihrer Mannschaftskameraden kompensieren können. Deutlich wird dies z.B. beim Kampf um den Zusatzpunkt. Selbst wenn 4 Spieler einer Gastmannschaft die letzten Plätze der Einzelwertung belegen, also nur 10 Hilfspunkte erreichen, ist der Gewinn des Zusatzpunktes noch möglich. Genauso können zwei herausragende  Heimspielerleistungen für den Mannschaftssieg und damit für zwei Punkte genügen. In logischer Konsequenz bedeutet
dies, dass erzielte Punkte zwar der Mannschaft gutgeschrieben werden, jene aber häufig durch Einzelleistungen gewonnen werden.

Natürlich profitieren fast alle Mannschaftssportarten von den überragenden Leistungen ihrer Spitzenakteure, aber kein noch so guter Athlet kann, in welcher Sportart auch immer, alleine für einen Sieg sorgen. Dies ist auch richtig, denn es geht um Mannschaftssport und nicht um einen Einzelwettkampf. Ein Timo Boll (Tischtennis), Thomas Haas (Tennis), Andreas Kapp
(Curling), selbst ein Dirk Nowitzki (Basketball) ist auf seine Mitspieler angewiesen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten:

  • Kegeln verliert Mitglieder.
  • Kegeln hat keine Idole und damit keine Vorbildfunktion für Jugendliche.
  • Kegeln kann dem Zuschauer keine aktuelle Spannung vermitteln.
  • Kegeln ist zwar Mannschaftssport, aber Einzelne entscheiden über Sieg und Niederlage.

Wie kann dem entgegengewirkt werden?

Klar, Mitglieder werben, Idole schaffen und die Wettkämpfe spannender gestalten ! Aber wie ist das möglich oder ist dies überhaupt möglich? Wir glauben ja!

Alle Sportarten haben eines gemeinsam, den sportlichen Wettstreit Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, Angreifer gegen Verteidiger. Daraus ergibt sich nach zumeist kurzer Zeit entweder ein direktes Ergebnis, nämlich Sieg oder Niederlage wie z.B. beim Boxen, Ringen, Tischtennis o.ä. oder eine neue Spielsituation, nämlich Raumgewinn/-verlust wie z.B. beim Fußball. Das ist auch das, was Zuschauer sehen wollen. Eine möglichst schnelle Entscheidung über Sieg oder Niederlage.

Bei Jugendlichen verhält es sich ähnlich. Ein Sportler wird zu einem Idol, wenn der Jugendliche sich mit ihm identifizieren kann, wenn der Jugendliche bei der Beobachtung eines Wettstreites denkt, „das will ich auch können“ oder "ich will so sein wie er/sie". Dafür ist erforderlich, dass der Jugendliche ein Ergebnis einordnen, messen kann. Hat sein Idol gewonnen oder verloren. Das ist bei Sportarten wie Tennis, Tischtennis, Boxen oder Ringen sofort zu erkennen.

Beim Kegeln ist das anders. Spielt der Liebling eines Jugendlichen im 1. Block 900, dann weiß niemand in der Kegelhalle, ob diese Leistung normal, gut oder überragend war. Erst nach knapp zwei weiteren Stunden stellt sich der Wert dieser Leistung heraus. Dem Zuschauer entgeht die direkte Freude, oder Enttäuschung, eben weil die gezeigte Leistung nicht abschließend messbar ist. So werden keine Idole geschaffen!

Das liegt am Spielsystem, werden Sie als geneigter Zuschauer sagen. Ja, natürlich, aber muss das so sein? Gibt es kein Spielsystem, welches den Bedürfnissen eines Zuschauers oder Jugendlichen gerecht wird? Welches Idole schaffen kann und bei dem die Spannung ständig erhalten bleibt? Ein System, bei dem jeder Spieler einer Mannschaft zu einem Sieg beitragen muss, bei dem ständig Entscheidungen fallen und das trotzdem elektrisierend ist?

Wie wäre es damit!

Das neue Spielsystem

Nach wie vor treffen sich zwei Mannschaften mit je 6 Spielern zu einem Wettstreit. Nach wie vor spielt jeder Spieler 120 Wurf. So weit, so gut!

Neu ist folgendes:
Vor der Saison hat jeder Club seine Spieler in einer verbindlichen, unveränderlichen Rangliste dem Verband gemeldet. Bei z.B. 20 Spielern ist einer die Nummer 1, einer die Nummer 2 usw. bis hin zur Nummer 20. Die 1. Mannschaft besteht aus den Spielern mit den Ranglistennummern 1 bis 6.
Bei einem Mannschaftswettkampf wird die 120 Wurfdistanz eines jeden Spielers in zwei Teilabschnitte zu je 60 Wurf aufgeteilt. Sodann spielen die Nummern 1 und 2 jeweils 60 Wurf auf zwei Bahnen gegen die gegnerischen Nummern 1 und 2. Genauso messen sich die Nummern 3 und 4 mit den entsprechenden Gegnern und ebenso die Nummern 5 und 6. Die
Einspielzeit ist 2x5 Wurf pro Bahn und pro Duell. Dies ergibt insgesamt 12 Spiele und ebenso viele Punkte sind zu verteilen. Für ein Unentschieden gibt es natürlich einen halben Punkt. Die Reihenfolge der Spiele wird vor der Saison für alle Spieltage festgesetzt. Jeder Spieler spielt einmal auf Bahn 1 und 2 und einmal auf Bahn 3 und 4. Auf welchem Bahnpaar die gleichnumerischen Duelle (also 1 gegen 1, oder 4 gegen 4) stattfinden, entscheidet das Los vor Beginn des ersten Duells. Die Mannschaft, die mindestens 6 ½ Punkte erreicht hat, hat das Spiel mit 2:0 Punkten gewonnen. Die Zwischenwertung, also bspw. 7:5, fließt ähnlich einem Torverhältnis in die Tabelle ein.
Ob es einen Zusatzpunkt gibt und wenn ja, wie dieser ausgestaltet werden ist, soll hier zunächst offen bleiben.

Vorteile:

  • Im 20-Minuten-Takt fallen jeweils 2 Entscheidungen.
  • Jede Leistung ist sofort messbar.
  • Jeder Spieler kann höchstens 2 Punkte für seine Mannschaft holen.
  • Der jeweilige Spielstand ist auch für neue Zuschauer direkt ersichtlich.
  • Die psychische Anspannung eines jeden Spielers ist hoch.
  • Überragende Einzelergebnisse verlieren an Bedeutung.

Nachteile:

  • Nach 4 Blöcken kann ein Spiel entschieden sein
  • Alle Spieler müssen fast während des gesamten Spieles anwesend sein
  • Vorstarts sind noch möglich, aber die Gegner nicht frei wählbar

Um Fragen vorzubeugen, seien noch folgende notwendige Regelungen erwähnt:
Auswechseln ist natürlich weiterhin möglich. Soll während eines Spieles gewechselt werden, nimmt der Einwechselspieler die Position des Ausgewechselten ein. Soll vor Beginn des Spieltages ein Wechsel vollzogen werden, weil z.B. die Nummer 1 einer Mannschaft verhindert ist, rücken alle Spieler auf und der neue Spieler spielt an Nummer 6.

Soll ein Spieler in einer unteren Mannschaft eingesetzt werden, muss er dort an Nummer 1 spielen.

Während einer Saison neu angemeldete Spieler reihen sich in der Clubrangliste hinten ein.

Die Clubrangliste muss nicht nach Spielstärke erstellt werden. Taktieren ist erlaubt, ja sogar erwünscht, allerdings ist die einmal gewählte Rangfolge während der Saison nicht mehr veränderbar. Wer hier Manipulationsmöglichkeiten erkennen will, der übersieht, dass dadurch Nachteile für die eigenen Mannschaftskameraden entstehen. Warum wird z.B. Timo Boll in seinem Verein nicht an Nummer 3 gesetzt?

Vorstarts (hiervon wird vorwiegend in unteren Klassen Gebrauch gemacht) sind ebenfalls weiterhin möglich. Allerdings gelten systembedingte Einschränkungen. Will z.B. die Nummer 3 eines Clubs auf einer 4-Bahnen-Anlage vorstarten, muss auch die Nummer 4 vorstarten und auf der Gegenseite können ebenfalls nur die Nummern 3 und 4 den Vorstart wahrnehmen. Auf einer 2-Bahnen-Anlage könnte natürlich die Nummer 3 alleine vorstarten, müsste aber gegen die Nummern 3 und 4 des Gegners spielen.

Was soll mit der Spielsystemänderung erreicht werden?

Das Spiel hat an Spannung gewonnen. Der Sieg kann nicht bereits in der ersten Wettkampfstunde gesichert werden. Die Ergebnisdifferenz beider Mannschaften bleibt im Regelfall gering, denn auch nach einem Duellsieg mit 60-Holz-Vorsprung steht das Spiel lediglich 1:0. Das System bringt Siegertypen hervor. Während des gesamten Spieles passiert ständig etwas, dies ist für den Zuschauer sehr abwechslungsreich. Jeder Spieler hat an jedem Spieltag eine zweite Chance. Die Möglichkeit, einen vermeintlich besseren Spieler der gegnerischen Mannschaft zu besiegen, wird wegen der kürzeren Distanz größer. Jeder Spieler kann sich gezielt auf seine Gegner vorbereiten. Unentschieden sind möglich.

Nichts wirklich Neues, oder doch? Urteilen Sie selbst!

Und was ist mit den Einzelmeisterschaften? Ist hier alles im Lot?

Die Einzelmeisterschaften der Sportkegler

Ist-Zustand am Beispiel der Westdeutschen Meisterschaften Herren-Einzel:
24 Teilnehmer im Vorlauf, 6 Blöcke, jeder spielt 120 Wurf, Dauer 5 Stunden! Da die vermeintlich schwächeren Spieler zuerst zu Werke gehen, steht zumeist auch erst während der fünften Stunde fest, welche 8 Teilnehmer die Zwischenrunde erreicht haben. Die Zwischenrunde findet einen Tag, manchmal auch ein Wochenende, später statt. Was ist passiert ? Nichts ! Fünf Stunden lang nichts ! Natürlich sind auch Spieler ausgeschieden, manche knapp, manche deutlich, aber das Gros der Favoriten hat sich – wie meistens – durchgesetzt. Als Zuschauer habe ich fünf Stunden in der Halle ausgeharrt, zugeschaut eben und schlimmstenfalls hat sich erst ganz zum Schluss herausgestellt, ob mein Lieblingsspieler die nächste Runde erreicht hat. Als Spieler habe ich 50 Minuten gekegelt und vier Stunden zugeschaut. Dann wusste ich, ich habe den Cut geschafft, gut, reise ich eben noch mal an, morgen oder nächstes Wochenende. Oder, ich bin ausgeschieden, wie erwartet, macht nichts, konnte mich sowieso nicht mehr wehren, als drei Stunden nach mir doch noch einer besser war als ich. Fazit: Langweilig war es, für die meisten Zuschauer und auch für die meisten Spieler, bis auf die, die knapp ausgeschieden oder so gerade noch für die
Zwischenrunde qualifiziert sind. Das ist im übrigen die Situation in allen Vorläufen der Einzeldisziplinen. Klar, bei 20 Teilnehmern ist die Langeweile auf etwas mehr als vier Stunden beschränkt.

Natürlich ist das provozierend geschrieben, aber eben nicht übertrieben.
Mal ehrlich, kann es sein, dass die wichtigste Einzelmeisterschaft in Nordrhein-Westfalen so abläuft? Kann ich mit einem solchen Wettkampf Mitglieder werben, Jugendliche begeistern?
Sicherlich nicht, was fehlt, ist Action!

Im Zwischenlauf wird es dann etwas besser. Nach nur rund 100 Minuten steht fest, wer das Finale, im Regelfall am nächsten Tag, erreicht hat.

Und dort geht es dann zur Sache. Vier Akteure, jeder mit seiner Fangemeinschaft, kämpfen um den Titel. Ein Kopf-an-Kopf Rennen mit Hochspannung, Frust, Glück und Pech, bis einer jubeln kann. Eine anstrengende Sache, die Gegner beobachten ohne selbst den Faden zu verlieren. Die Chancen ausloten, Berechnungen anstellen, Willen zeigen, sich konzentrieren, kämpfen, Fehler vermeiden. Für Langeweile ist keine Zeit.

Warum ist ein Endlauf so viel spannender?
Weil Entscheidungen fallen, weil die Zuschauer am Geschehen teilhaben, weil sie direkt sehen können, wer gewinnt, vielleicht, oder doch noch abgefangen wird, weil sie mitfiebern können, weil eben jetzt, in diesen 50 Minuten, alles passiert und nicht später oder bereits passiert ist.

Wenn das so ist, warum kann ich dann nicht die gesamte Meisterschaft so gestalten? Kann ich ja! Wie? K.O. System einführen! Doppelrunden! Jeweils 40 Wurf kombiniert!
Z.B. 32 Teilnehmer, mit oder ohne Setzliste, das Tableau wird vor der 1. Runde ausgelost. Auf einer 8-Bahnen-Anlage sind das vier Duelle pro Block. Dauer mit Einkegeln 15 Minuten, dann folgen die nächsten vier Zweikämpfe. Nach nur einer Stunde ist die erste Runde beendet. Die Verlierer spielen gegeneinander, wer zum 2. Male verliert, ist raus! Auch die Sieger spielen gegeneinander, die dann Unterlegenen rücken ins Verlierertableau, usw. usw.

Was habe ich erreicht?
Spannung pur, die Halle brennt, im 15-Minuten-Takt jeweils vier Entscheidungen, den ganzen Tag über, in allen Klassen von Jugend (!) bis zu den Senioren, nervenaufreibend für Spieler und Zuschauer, hier werden Helden geboren, langweilig war früher, ich habe etwas zu erzählen, meinen Mitschülern, Freunden, Arbeitskollegen.

Meinen Sie nicht auch, dass mit solchen Veranstaltungen Mitglieder gewonnen, zumindest aber bei der Stange gehalten werden können?! Natürlich nicht, wenn dieses System nur bei der Landesmeisterschaft gespielt wird. Aber das ist auch nicht gewollt.
Bezirksmeisterschaften, Gaumeisterschaften, Turniere, sämtliche Einzelwettkämpfe sollen auf diese Weise ausgetragen werden, bis hin zur Deutschen Meisterschaft.

Natürlich wird durch die vorbeschriebenen Neuerungen bei Mannschafts- und Einzelwettkämpfen die Kegelwelt auf den Kopf gestellt. Aber das ist gewollt. Hinter allem steht der Versuch, Mitglieder zu halten und neue zu gewinnen, Zuschauer zu begeistern und Jugendlichen eine Sportart anzubieten, die Spaß macht. Mit dem bisherigen System ist das
jedenfalls nicht gelungen.

Auch international ließe sich mit den aufgezeigten Spielweisen einiges bewegen. Warum soll ein Länderspiel nicht so ablaufen, wie ein Ligenspiel ? Auch Mannschaftsweltmeisterschaften müssen nicht ausgenommen werden. Z.B. Mannschaft gegen Mannschaft wie ein Ligenspiel im K.O. System! Die Einzelweltmeisterschaft würde entschieden im Kampf Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, von der ersten Runde an.

Möglich ist alles ! Wir müssen es nur wollen!

Gesetzt den Fall, die Spielsysteme bei Einzel- und Mannschaftswettkämpfen würden entsprechend den vorbeschriebenen Regelungen angepasst, war es das dann ? Sind die genannten Reformen ausreichend, um den Stellenwert des Kegelsports im Vergleich zu anderen Sportarten zu stärken und vor allem, die Spieler selbst zufrieden zu stellen?
Oder verlangen gar die Zuschauer die häufigere Präsenz der Spitzenspieler, z. B. innerhalb einer Turnierserie ?

Einzelturniere für Sportkegler

Wie kann ich erreichen, dass Spitzenspieler an solchen Turnieren teilnehmen?
Für einen Pokal als Siegertrophäe fährt heute schon kaum noch jemand von Dortmund nach Bochum, geschweige denn von Herford nach Siegen. Daher sind zahlreiche Traditionsturniere bereits aus den Terminkalendern verschwunden. Warum gibt es dann in anderen Sportarten solche Turnierserien und zwar nicht nur z.B. im Tennis oder im Alpinen Skizirkus, sondern auch im Bowling ? Turniere, zu denen auch die Spitzenspieler gerne anreisen, um sich in sportlichem Wettstreit mit anderen zu messen.

Ein heikles Thema, natürlich. Die Antwort ist ja auch offensichtlich, weil es nämlich um Geld geht! Die heeren Ziele der olympischen Idee, die strikte Trennung von Amateur- und Profisportarten, der Zahn der Zeit hat an ihnen genagt. Vor rund 40 Jahren wurde der damals beste Skirennfahrer Karl Schranz noch von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, weil ihm von höchster Funktionärsinstanz der Amateurstatus aberkannt worden war. Heute sind die Regularien der Zeit angepasst und sogar Tennis ist olympisch.

Auch hier muss im Kegelsport ein Umdenken stattfinden. Wer Spitzensport sehen will, der muss dem Spitzenspieler etwas bieten. Dabei könnten die Preisgelder aus Startgebühren und Schirmherrschaften finanziert werden. Das funktioniert im Bowling bspw. ganz hervorragend.

Den Zweiflern, die jetzt einwenden, welcher Bezirksligist fährt denn zu einem solchen Turnier, bei dem er gegen Bundesligaspieler sowieso keine Chance hätte, sei entgegnet, für solche Turniere gibt es viele Austragungsmöglichkeiten. Offene Turniere, nur für Spieler bis einschließlich Gauliga, nur für Senioren etc.. Gleich ist nur der Spielmodus, 40 Wurf
kombiniert, K.O. System, Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, es geht um Geld!

Den Anhängern solcher Spielformen sei noch eine Variante mit auf den Weg gegeben, wie verfahren werden kann, wenn die erwartete Teilnehmerzahl an einem offenen Turnier sehr hoch ist. Es wird einfach eine Qualifikationsrunde vorangestellt, an Wochentagen z.B.. Dabei kann jeder Teilnehmer, vielleicht bis einschließlich Gauliga oder Landesliga, so oft 40 Wurf
spielen und natürlich bezahlen wie er will. Bundesligaspieler (und je nach Ausschreibung auch Landesligaspieler) dagegen haben nur einen Versuch. Ziel ist es unter die besten 64 oder 32 Spieler zu kommen, die dann im K.O. System den Sieger ermitteln.

Glauben Sie nicht auch, dass solche Turniere eine große Anziehungskraft haben ? Ist es nicht der Traum eines jeden Keglers, einen Spitzenspieler zu schlagen ? Und mal ehrlich, bei nur 40 Wurf ist doch alles möglich, oder ? Wollten Sie als Zuschauer oder als inzwischen aus dem Turnier ausgeschiedener Spieler die Runde der letzten 8 verpassen ? Und will nicht jeder Spieler zumindest in dieser Phase des Turniers noch aktiv dabei sein?

Es ist nur eine Idee, mehr nicht!
Etwas fehlt noch und dem aufmerksamen Leser brennt die Frage sicherlich schon auf der Zunge. Einzelmeisterschaften und Turniere im K.O. System, schön und gut, aber wie verhindere ich, dass die besten Spieler gleich in der ersten Runde aufeinandertreffen? Es ist doch Wettbewerbsverzerrung, wenn ein mittelmäßiger Spieler durch Losglück plötzlich im
Finale steht, während sich die Asse gegenseitig eliminieren.

Tja, nicht so einfach, denn, wer ist Ihrer Meinung nach der beste Kegler? Holger Mayer vielleicht oder Stefan Stenger? Norbert Rahn oder doch Jürgen Wagner ? Dann ist da noch Dirk Albertz, Markus Gebauer, Daniel Mittelstädt... Und wenn Sie sich dann für einen entschieden haben, wie wollen Sie beweisen, dass er der beste ist ? Sie können es nicht, denn anders als in anderen Sportarten gibt es im Kegelsport keine Rangliste wie z.B. im Tennis, die verhindert, dass Nadal und Federer gleich zu Beginn eines Turniers gegeneinander spielen müssen. Warum gibt es im Kegeln keine Rangliste ? Ich weiß es nicht, aber, führen wir doch eine ein !!! Eine Rangliste, in die jedes gespielte Wettkampfergebnis, egal ob in einem Einzel- oder einem Mannschaftsspiel erzielt, einfließt.
Für jeden Sieg gibt es Punkte, je nach Qualität des Turniers oder der Meisterschaft mehr oder weniger. Eine genaue Ausgestaltung würde hier den Rahmen sprengen, wichtig ist nur, dass eine solche Rangliste endlich eingeführt wird.

Ein Vorteil ist natürlich, dass nun bei Einzelwettkämpfen eine bestimmte Anzahl von Spielern an Hand eines objektiven Kriteriums gesetzt werden kann, wodurch der Veranstalter die Möglichkeit gewinnt, Spitzenduelle in Erstrunden zu verhindern. Es gibt aber noch einen weiteren positiven Aspekt, wenn eine Sportart über eine Rangliste verfügt. Überlegen Sie
einmal, hält ein Jugendlicher, der nicht in einer Bundesligastadt wohnt, eher zu Bayern München oder zu Mainz 05 ? Warum sehen wir Thomas Haas lieber als Rainer Schüttler, haben wir eher auf Michael Schumacher als auf Nick Heidtfeld geachtet ? Ganz einfach, weil die häufiger gewinnen bzw. gewonnen haben ! Insbesondere Jugendliche brauchen zur Identifikation Siegertypen, wollen also wissen, wer der beste seiner Zunft ist, wollen ihrem persönlichen Helden nacheifern. Die Einordnung eines Wettkampfergebnisses fällt mit einer Rangliste leichter.

Und schließlich wir Spieler! Sind wir nicht alle heiß auf eine Rangliste? Spornt es uns nicht zusätzlich an, gegen einen besser positionierten zu gewinnen? Bemüht nicht jeder von uns gerne Statistiken zur Standortbestimmung der eigenen Leistung? Weckt eine Rangliste nicht den Ehrgeiz unter die besten 100, 50 oder 10 zu kommen ?

Bestimmt !

Fazit

In allen Sportarten, nicht nur im Kegeln, gibt es Dinge, die verbesserungsfähig sind, für Spieler und für Zuschauer. Natürlich können hier nicht alle Ideen dargestellt werden. Wichtig ist, einen Anfang zu machen, Änderungen vorzunehmen, die unseren Sport für alle Beteiligten attraktiver, unterhaltsamer und spannender, eben zu einem Erlebnis machen. Dazu bedarf es Entschlossenheit und Mut, eingefahrene Abläufe zu verändern.

Wenn es dann noch gelingt, die zahlreichen Betriebssportler zu integrieren, ist ein wichtiges Zwischenziel erreicht.

Auf zu neuen Höhen! Kegeln, das will ich auch!